"Der Haufen Schrott wurde zum echten Schmuckstück"

Der „Haufen Schrott“ wurde zum echten Schmuckstück.

Ein Ferrari wirkt gegen ihn geradezu öde, junge Damen finden ihn meist „unheimlich süß“ und die Fahrer der heutigen Einheitskarossen renken sich im Vorbeifahren verblüfft die Halswirbelsäule aus: Peter Homanns Messerschmitt-Kabinenroller KR 200 aus dem Jahr 1962 verwandelt die Straße für sich in einen Laufsteg.


Kaum zu glauben: Der Kabinenroller bietet Platz für bis zu drei Personen – und Gepäck.

Wipshausen. Gern geschraubt hat der Autoexperte aus Wipshausen schon immer – zuerst an historischen Motorrädern, bis 1997 für ihn zum Glücksjahr wird und er den Zuschlag für den KR 200 erhält, der in erbarmungswürdigem Zustand jahrzehntelang sein Dasein in der hintersten Ecke einer Scheune gefristet hat.

Ein „Haufen Schrott“ für Homanns Ehefrau Wiebke, ein „Häufchen Elend“ für den Autoliebhaber, der sein Handwerk einst in einer Peiner Autowerkstatt lernte und inzwischen für VW forscht.

Der „krasse Gegensatz“ zum beruflichen Arbeitsfeld habe sowohl die Restauration als auch die Pflege und besonders das Fahren zum Vergnügen werden lassen.

Drei Jahre lang hat Homann seinem Schätzchen aus dem Baujahr 1962 alles gegönnt, um es wieder zu dem Schmuckstück zu machen, was es einst war: der Einstieg in die automobile Goldgräberepoche.

Apropos Einstieg: Der erfolgt in den Kabinenroller wie in ein Kampf-Flugzeug – von oben. Das spärlich instrumentierte Cockpit wartet mit Kippschaltern auf. Die Uhr funktioniert mechanisch und ein Original-Autoradio handeln Liebhaber für ungefähr 3500 Euro.

Das Fernlicht wird per Fußschalter betätigt, ein abschließbarer Benzinschalter ist gleichzeitig eine Diebstahlsicherung. Geschaltet wird der 10,2-PS-Einzylinder-Motor von Fichtel und Sachs mit einem Hubraum von knapp 200 Kubikzentimetern mit einer „Ratsche“ wie ein Motorrad, gebaut von 1955 bis 1964.

Dass Homann mit seiner Flugzeugkanzel auf Rädern zum Publikumsliebling avanciert, freut ihn immer noch. Er erzählt von Kindern, die staunend beobachten, wie drei Personen das dreirädrige Vehikel verlassen. Oder von den Wanderern, die im Harz anfeuernd Beifall geben, wenn der Messerschmitt mit Vollgas im ersten Gang mit 20 Sachen zum Gipfel strebt.

Reizvoll seien auch nächtliche Ausfahrten: „Der Sternenhimmel über dem Plexiglasdach ist eine wunderbare Aussicht“. Die scherzhafte Bezeichnung „Mensch in Aspik“ trägt das Gefährt allerdings wegen klimatischer Missstände im Sommer. Deswegen hat Homann kürzlich in eine „Klima-Anlage“ investiert: Das neue Ausstell-Fenster rechts ermöglicht nun einen Luftaustausch mit dem linksseitigen Schiebefenster.

Glück gehört dazu, einem Kabinenroller zu begegnen – 320 Stück sind derzeit zugelassen.

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PAZ, 03.08.2011